WWW-Erfinder: Fake News und Datensammelwut im Web bedrohen die Gesellschaft

Sir Tim Berners-Lee, einer der Väter des World Wide Web, blickt auf die aktuelle Entwicklung und identifiziert drei zentrale Probleme: Nutzer haben die Kontrolle über ihre Daten verloren, Falschinformationen lassen sich zu einfach verbreiten, und Wähler werden zunehmend von politischer Werbung manipuliert.

World Wide Web (Bild: iStock / BrianAJackson)

Björn GreifRedakteur

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten dürfte der Begriff Fake News jedermann vertraut sein. Manche behaupten sogar, die meist über soziale Netze verbreiteten Falschmeldungen hätten großen Anteil an Trumps Wahlsieg über Hillary Clinton gehabt. Hiesige Politiker befürchten, dass gezielt gestreute Falschinformationen ebenfalls Auswirkungen auf das Superwahljahr in Deutschland haben könnten. Bestimmte Interessengruppen könnten auf diese Weise versuchen, den Ausgang der im September anstehenden Bundestagswahl sowie der Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen zu beeinflussen. Dass solche Bedenken nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, belegen Aussagen von einem, der es wissen muss: Sir Tim Berners-Lee, Mitbegründer des World Wide Web.

Anlässlich des 28. Geburtstags des WWW am 12. März hat Berners-Lee in einem offenen Brief drei zentrale Herausforderungen formuliert, die aus seiner Sicht das weltweite Netz in seiner ursprünglich intendierten Form bedrohen. 1989 hatte Berners-Lee das WWW als offene Plattform zum weltweiten Informationsaustausch erdacht, die für jedermann überall frei zugänglich sein und somit geografische sowie kulturelle Grenzen überwinden soll. Dieser Vision sei das Web zu großen Teilen gerecht geworden, trotz des andauernden Kampfes, es offen zu halten, schreibt der britische Informatiker in seinem Brief. „Aber in den vergangenen zwölf Monaten haben mir drei neue Trends zunehmend Sorge bereitet, die meiner Meinung nach angegangen werden müssen, damit das Web sein wahres Potential als Werkzeug für die gesamte Menschheit ausschöpfen kann.“

Sir Tim Berners Lee sorgt sich um die Zukunft des Web (Bild: Paul Clarke / CC-BY-SA 4.0).
Sir Tim Berners Lee sorgt sich um die Zukunft des Web (Bild: Paul Clarke / CC-BY-SA 4.0).

Konkret identifiziert Berners-Lee drei zentrale Probleme:

  1. Es ist zu leicht, Falschinformationen im Web zu verbreiten
    Die meisten Nutzer beziehen Nachrichten und Informationen im Web über eine Handvoll Social-Media-Plattformen und Suchmaschinen. Klicks entscheiden, wer am meisten Geld verdient. Daher analysieren Algorithmen anhand massenhaft gesammelter, personenbezogener Daten, welche Inhalte der Nutzer am liebsten konsumiert. Auf dieser Basis bekommt er dann weitere Inhalte präsentiert, auf die er höchstwahrscheinlich klicken wird. Das fördere die ständig zunehmende, rasante Verbreitung überraschender oder schockierender Inhalte, einschließlich Fake News, schreibt Berners-Lee. Einzelne könnten das System einfach und gezielt dazu missbrauchen, Falschinformationen zu streuen, um finanzielle oder politische Vorteile zu erlangen.
  2. Politische Online-Werbung braucht Transparenz und Einsicht
    Politische Werbung im Internet hat sich in kurzer Zeit zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt. Mittels gezielter Kampagnen in sozialen Netzen lassen sich potentielle Wähler beeinflussen oder Wähler der Gegenseite von der Urne fernhalten. Dazu werden verschiedenen Gruppen völlig andere, teils widersprüchliche Inhalte vermittelt. Berners-Lee wirft daher die Frage auf, ob dies noch demokratisch sei.
  3. Wir haben die Kontrolle über unsere persönlichen Daten verloren
    Das Geschäftsmodell vieler Anbieter basiert heute darauf, vermeintlich kostenlose Inhalte oder Services im Austausch für personenbezogene Daten anzubieten. Viele Nutzer machen sich darüber keine Gedanken. Dabei übersehen sie Berners-Lee zufolge, dass ihre Daten fortan außerhalb ihres Blickfelds und ihrer Kontrolle in proprietären Silos lagern und sie nicht mehr die Wahl haben, wann und mit wem sie die Daten teilen. Zudem hätten sie keinen Einfluss darauf, welche Daten sie nicht weitergeben möchten, insbesondere an Drittanbieter. Die Datensammelwut vieler Unternehmen hat laut Berners-Lee weitere negative Nebeneffekte. Regierungen versuchten immer häufiger, die Online-Aktivitäten der Bürger zu überwachen und verschafften sich zu diesem Zweck Zugang zu den Nutzerdatenbanken der Anbieter, entweder durch Zusammenarbeit oder gesetzlichen Zwang. Das sei in autoritären Regimen, aber teilweise auch in rechtsstaatlichen Gesellschaften zu beobachten und gefährde die freie Meinungsäußerung sowie die Funktion des Web, sich frei über wichtige Themen informieren zu können.

Alle vom WWW-Mitbegründer geschilderten Bedrohungen haben eins gemein: Große Organisationen machen sich die Komplexität und die Netzwerkeffekte des Social Web zunutze, um ihre Interessen durchzusetzen. Der Nutzer steht dem meist hilflos gegenüber, da er oft nicht einmal nachvollziehen kann, was genau vor sich geht.

Das gilt vor allem für das Sammeln personenbezogener Daten. Im November vergangenen Jahres geriet die Website-Bewertungsplattform „Web of Trust“ in die Kritik, weil sie über ihre Browser-Add-ons das Surfverhalten ihrer Nutzer protokollierte und die Daten nicht ausreichend anonymisierte. Die gesammelten Informationen wurden zu Profilen zusammengefasst und verkauft. Im Rahmen von Recherchen für das ARD-Magazin Panorama erwarb der NDR von einem Zwischenhändler einen Probedatensatz, der aufgerufene Webseiten von rund drei Millionen Nutzern und insgesamt über drei Milliarden Einträge zu zehn Milliarden Webadressen umfasste. Anhand der Daten ließ sich das Privat- und Arbeitsleben der Betroffenen minutiös nachzeichnen. Darunter waren auch ranghohe Politiker. Sie hätten mit den vertraulichen Daten leicht erpresst werden können, um bestimmte Interessen durchzusetzen. Dieses Beispiel zeigt, welche weitreichenden Folgen die ungezügelte Datensammelwut vieler Unternehmen haben kann.

Mögliche Lösungsansätze

Um den von ihm angesprochenen komplexen Problemen zu begegnen, schlägt Berners-Lee verschiedene Lösungsansätze vor: Erstens müsse in Zusammenarbeit mit Internetfirmen ein Mittelweg gefunden werden, bei dem Nutzer wieder ein faires Maß an Kontrolle über die eigenen Daten zurückerlangen. Dazu seien neue Technologien (z.B. „data pods“) und alternative Geschäftsmodelle (z.B. Micropayment) erforderlich. Zweitens müsse sich die Gemeinschaft gegen allumfassende Überwachungsgesetze zur Wehr setzen, falls nötig vor Gericht. Ebenso wichtig sei der Kampf gegen Falschinformationen, in dessen Rahmen jedoch die Einrichtung zentraler Organe verhindert werden müsse, die über „wahr“ und „unwahr“ entscheiden. Generell brauche es mehr „algorithmische Transparenz“, um zu verstehen, wie Algorithmen wichtige Entscheidungen treffen, die unser Leben beeinflussen, und vielleicht sogar allgemeine Prinzipien für nachvollziehbare Algorithmen. Dringend zu beseitigen sei außerdem der blinde Fleck bei der Regulierung politischer Werbekampagnen im Internet.

Berners-Lee zufolge arbeitet die World Wide Web Foundation mit Hochdruck daran, diese Herausforderungen zu bewältigen. Im Rahmen einer Fünfjahresstrategie will sie die Probleme genauer untersuchen, proaktiv politische Lösungen erarbeiten und Koalitionen gründen, um ein Web zu gestalten, das jedem die gleichen Befugnisse und Möglichkeiten bietet. Nutzer sind aufgefordert, sich einzubringen und die World Wide Web Foundation bei ihren Bemühungen zu unterstützen – sei es durch Spenden oder indem sie den öffentlichen Druck auf Unternehmen und Regierungen aufrechterhalten. „Wir alle waren daran beteiligt, das Web in seiner jetzigen Form zu schaffen, und jetzt ist es an uns allen, das Web so zu gestalten, wie wir es wollen – für alle“, so Berners-Lee abschließend.

(Bild: World Wide Web Foundation / CC-BY 4.0)

Cliqz unterstützt die Forderungen der World Wide Web Foundation. Wir teilen Werte wie Transparenz, Privatsphäre und Offenheit. Cliqz sammelt keinerlei auf einzelne Nutzer bezogene Daten. Die Daten auf unseren Servern sind rein statistischer Natur und völlig anonym, also vollkommen nutzlos für Geheimdienste oder Betreiber politischer Propaganda. Sie eignen sich weder dazu, Einzelpersonen oder Gruppen auszuforschen noch diese gezielt anzusprechen. Darüber hinaus zeigt die Schnellsuche von Cliqz allen Nutzern die gleichen Website-Vorschläge und verhindert so das Entstehen von Filterblasen, die mit einem Risiko der gesellschaftlichen Polarisierung verbunden sind.

Mit unserem Newsblog wollen wir zudem Internetnutzer für kritische Themen wie Datenschutz sensibilisieren. Zugleich versuchen wir, mit Beiträgen wie „Fake News: So enttarnst du Falschmeldungen im Netz“ Aufklärung zu betreiben und Lösungswege für akute Probleme aufzuzeigen.